Migration im Niger: Vom Schleuser zum Besitzer eines Fußballclubs

Leidenschaftlich feuert Bashir Amma seine Spieler vom Rand des Fußballfelds an. Seine Mannschaft kommt aus Nigeria, Mali, der Elfenbeinküste und dem Senegal. Als Migranten sind die jungen Männer auf dem Weg nach Europa in der nigrischen Stadt Agadez gestrandet. Jetzt spielen sie in Ammas «Nassarar» Fußballclub, um Geld für die Weiterreise zu verdienen.

«Nassarar» bedeutet «Chance» in der Lokalsprache Haussa, sagt Amma, denn wenn er auf Migranten mit Fußballtalent stoße, heuere er sie für ein kleines Gehalt an. Und alle hier hoffen auf eine zweite Chance. Der Fußballclub ist Ammas neue Karriere. Bis vor kurzem arbeitete der 38-jährige als Schleuser, der Menschen über die gefährliche Wüstenroute vom Niger nach Libyen brachte. Amma organisierte den Transport von bis zu 250 Migranten pro Woche, für umgerechnet 230 Euro pro Person. Schnell wurde er reich in der Wüstenstadt Agadez, dem Tor zur Sahara, durch das jedes Jahr Zehntausende von hauptsächlich westafrikanischen Migranten reisen.

Seit der Niger Mitte 2015 das Schleusen offiziell verbot, hat sich Ammas Leben drastisch verändert. Er habe seit zwei Jahren kaum einen Cent verdient, klagt Amma, der Fußballclub bringe noch nicht genug ein. Daher hat sich Amma für eine von der Europäischen Union (EU) finanzierte Starthilfe von 2300 Euro beworben, in der Hoffnung, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Der dem Stamm der Touareg angehörige Mann will ein Geschäft eröffnen, dass traditionelle Gewänder verkauft.

Eine Milliarde Euro für wirtschaftliche Entwicklung

Allein in Agadez, einer aus Lehm gebauten Stadt mit knapp 120 000 Einwohnern, identifizierte die Regierung fast 7000 Menschen als «im Migrationsgeschäft involviert» – Schleuser, Verbindungsmänner und Fahrer. Zusätzlich leben Zehntausende indirekt von der Migration: Besitzer von Unterkünften, Geldwechsler, Taxifahrer, Restaurantbesitzer und Friseure.

In den vergangenen zwei Jahren haben Sicherheitskräfte laut Staatsanwaltschaft mehr als 100 Fahrzeuge beschlagnahmt, dutzende Schlepper und Fahrer wurden festgenommen. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu 30 Jahren. Seit dem Verbot habe die Wirtschaft der Stadt einen drastischen Einbruch erlebt, sagt Sidi Jules, der Sekretär des Regionalrats von Agadez. Daher sei beschlossen worden, neue Einkommensquellen für ehemalige Schlepper zu schaffen. Im Gegenzug für die Schließung der Migrationsroute will die EU dabei helfen und dem Niger bis 2020 eine Milliarde Euro für wirtschaftliche Entwicklung zahlen.

Mehr als 2300 Menschen, die einst im Schleusergeschäft involviert waren, haben sich bereits für das seit November laufende EU-Pilotprojekt beworben. Es gibt Anträge zur Gründung von Schneidereien, Umschulungen zu Mechanikern oder dem Aufbau einer Viehzucht. Doch Gelder stehen zunächst nur für rund 200 Bewerber zu Verfügung. Die Starthilfen seien als Geste zu verstehen, erklärt Jules. «Um tausende von echten Jobs mit echtem Gehalt zu schaffen, brauchen wir gut strukturierte Langzeitmaßnahmen», betont der Sekretär. Das müsse zügig geschehen, sonst würden aus Frustration viele Leute ins Schleuser-Geschäft zurückkehren, warnt Jules.

Menschen-Schmuggel ist „äußerst lukrativ“ in Agadez

Im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, in dem das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt nach Angaben der Weltbank bei umgerechnet 310 Euro liegt, klingen 2300 Euro nach viel Geld. Doch die Schlepper bezeichnen es als Tropfen auf den heißen Stein. Menschen-Schmuggel ist äußerst lukrativ in Agadez. Schleuser verdienen bis zu 12 000 Euro im Monat, erzählt Salissou Liman, der Direktor der Hilfsorganisation Karkara in Agadez, die der EU bei der Vergabe der Starthilfen hilft. Daher sei der Ausstieg aus dem Schlepper-Geschäft viel mehr eine moralische als eine finanzielle Entscheidung. «Man muss sich zwischen einem kriminellen Leben im Untergrund oder einer Chance auf ein neues Leben entscheiden», meint Liman.

Amadou Oumakou hat sich für Aufrichtigkeit entschieden. Der ehemalige Schlepper will einen Taxi-Betrieb gründen, wenn auch widerwillig. Der 52-jährige Vater von acht Kindern sagt, er verstehe nicht, warum ein Beruf, den er für 20 Jahre legal ausgeübt habe, kriminalisiert worden sei. «Wir haben doch nur Menschen transportiert, wie eine Reiseagentur», meint Oumakou. Auch Gastwirtin Mariama Amadou hat sich für die Starthilfe beworben. Ihr Restaurant, in dem Migranten und Einwohner sich einst um einen Platz drängelten, steht oft leer, sagt die 34-jährige. Statt umgerechnet 90 Euro pro Tag, verdiene sie nur noch drei Euro. Amadou will mit der Finanzspritze ihr Restaurant renovieren, in der Hoffnung eine gehobene Kundschaft anzulocken.

Trotzdem wollen sich Amma, Oumakou und Amadou gegen das Schlepper-Verbot wehren. Sie gehören dem Ex-Schleuser-Verband von Agadez an, der mehrere tausend Mitglieder hat und die Aufhebung des Gesetzes fordert. «Wir werden nicht ewig stillsitzen», erklärt Amma. «Wenn sich die Wirtschaftslage nicht bessert, werden wir unsere Geschäfte wieder aufnehmen.»

Von Kristin Palitza, dpa