Das Ende eines Attentäters – «Sie dachten nicht an Amri»

Es ist kalt in Sesto San Giovanni, Heiligabend steht vor der Tür. Wie immer stromern auch gegen drei Uhr in dieser Dezember-Nacht Menschen über den Platz vor dem Bahnhof der Stadt an der Peripherie Mailands. Zwei junge Streifenpolizisten halten Wache. Zwischen Dutzenden Migranten fällt ihnen ein Mann auf. Sie wollen seine Papiere sehen. Dann geht alles ganz schnell: Statt eines Ausweises zieht der Mann eine Pistole, schießt, die Polizisten feuern zurück. Und töten: Anis Amri, den Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt.

«Das war kein Zufall», sagt Maurizio Vallone ein Jahr später in der Zentrale der Kriminalpolizei in Rom. Vallone ist Chef des «Servizio Controllo del Territorio», zuständig für die polizeiliche Überwachung des Landes und damit auch für den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität, gegen die Mafia und den Terrorismus. Dass zwei Jungpolizisten am 23. Dezember 2016 einen europaweit gesuchten Terrorverdächtigen stoppten, sei Ergebnis dessen, was Polizisten in Italien beigebracht werde. Und Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung des Sicherheitsapparats eines Landes, das von linkem Terror und Mafiamorden erschüttert wurde.

Doch obwohl es ein Standardprozedere war, spricht Vallone wie ein Vater über die beiden Nachwuchskräfte, mit Stolz und Anerkennung in der Stimme. «Statt an anderes zu denken, in der molligen Wärme im Wagen zu bleiben, entscheiden sie, auszusteigen, einen von Dutzenden Migranten zu kontrollieren und das mit der gebotenen Vorsicht und der notwendigen Aufmerksamkeit», lobt Vallone. Die Kontrolle sei eine von einer Million im vergangenen Jahr gewesen. «Und natürlich dachten sie nicht an Amri, sie dachten eher an einen Drogendealer.»

Die Medien feiern sie als Italiens Helden

Amri hatte sich nach seinem Lkw-Anschlag unbehelligt über die Niederlande, Belgien und Frankreich nach Italien absetzen können. In Sesto San Giovanni fiel er auf. «Die beiden haben eine Person gesehen, die versucht hat auszuweichen, sich klein zu machen, so unauffällig wie möglich zu sein», sagt Vallone. In der Ausbildung lernen angehende Polizisten solche typischen Verhaltensmuster einer Person, die etwas zu verbergen hat. In den Polizeischulen des Landes dient die Nacht in Sesto San Giovanni längst als Musterbeispiel.

Der Jüngere der beiden Polizisten – damals 29 Jahre alt – war es, der gegen 3.30 Uhr den entscheidenden Schuss auf Amri abgibt. Die Kugel geht in den Brustkorb, nachdem ein Projektil aus Amris 22-Kaliber-Pistole seinen Kollegen an der Schulter traf. Der damals 36-Jährige nahm dem extrem gefährlichen Amri aufgrund seines Akzents nicht ab, dass dieser aus Süditalien kommt, beharrte auf die Papiere.

Nach der Aktion lässt Italiens Präsident Grüße ausrichten, auch der Ministerpräsident, der Innenminister, der Mailänder Polizeipräsident sind voll des Lobes. Die Medien feiern sie als Helden, die Italien – und Europa – vor Schlimmerem bewahrt haben. Die damalige Bürgermeisterin Monica Chitto richtet aus, die Stadt sei stolz. Bilder von den beiden werden veröffentlicht, ihre Namen genannt – bis vor möglicher Vergeltung gegen die Polizisten gewarnt wird.

«Wir würden niemals den Tod einer Person zelebrieren.»

Vallone nennt die beiden Polizisten «bravissimi ragazzi» – ausgezeichnete, tüchtige Jungen. «Sie haben gemacht, was sie in dem Moment tun mussten, und das haben sie perfekt gemacht, sowohl aus juristischer als auch aus ethischer Perspektive», sagt er. «Wir Italiener sind Christen. Wir würden niemals den Tod einer Person zelebrieren.» Man spreche daher nicht von Tötung. Amri sei neutralisiert worden.

Die beiden Polizisten seien befördert, aber aus Sicherheitsgründen versetzt worden. Seit Monaten arbeiten sie nicht mehr zusammen. Der mittlerweile 30-Jährige ist nach Sizilien zurückgekehrt, in die Nähe seiner Familie. «Er ist ein ganz normaler, einfacher, ruhiger Junge, nichts weiter, ein Junge, der seine Arbeit macht», sagt Vallone. «Als wir ihn fragten, was er dachte, als Amri die Waffe zog, sagte er „Minchia!“». Scheiße.

Das Bild der «Helden» bröckelt, als Faschismusvorwürfe die Runde machen. Einer der Männer hatte auf Instagram ein Bild von Diktator Benito Mussolini gepostet und dazu unter anderem «#grandeuomo» – großartiger Mann – geschrieben. Auch Hitler sollen sie verherrlicht haben. Aus der von einigen Politikern in Deutschland geforderten Ehrung wurde nichts. Dass diese «Dummheiten» veröffentlicht worden seien, habe ihrem Ansehen erheblich geschadet – dabei hätten sie seines Erachtens internationale Anerkennung verdient, sagt Vallone. «Das sind Scherze, die man zwischen Jungs macht.»

Konsequente Abschiebung Verdächtiger und Integration von Migranten

In Italien hatte sich für Amri ein Kreis geschlossen. Dort war der Tunesier 2011 als Flüchtling angekommen, saß wegen verschiedener Gewalttaten im Gefängnis. Von Italien aus machte er sich auf den Weg nach Deutschland. Nach dem Attentat wurden mehrere mutmaßliche Extremisten mit Verbindung zu Amri aus Italien abgeschoben.

Dass in Sesto San Giovanni das Drama vom Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz mit 12 Toten endete, hat nicht nur das Leben der beiden jungen Polizisten verändert. In der 80 000-Einwohner-Stadt hat sich der politische Wind gedreht. Die sozialdemokratische Bürgermeisterin wurde von einem Politiker der konservativen Forza Italia abgelöst. Der Stadtrat verhinderte den Bau einer Moschee.

Italien blieb bislang vom Terror verschont – was Vallone neben der Arbeit der Polizei und Geheimdienste auch mit der konsequenten Abschiebung Verdächtiger und der Integration von Migranten erklärt. «Früher oder später könnte es vorbei sein mit unserem Glück.» Die Sicherheitskräfte seien deshalb in Alarmbereitschaft: In der Hauptstadt Rom stehen längst auch vor beliebten Barstraßen Soldaten. «Vor fünf Jahren wären die Menschen noch auf die Straße gegangen angesichts der vielen Kontrollen», sagt Vallone. Wer jetzt 40 Minuten im Stau stehe, kurbele das Fenster herunter und sage den Polizisten: «Grazie!». «Wir können uns nicht mehr verstecken.»

Von Lena Klimkeit und Alvise Armellini